Bordeaux hat uns zwiegespalten zurückgelassen. Die Stadt wird gern als romantisches Juwel des Südwestens verkauft — sauber geputzte Fassaden, Wein, Savoir-vivre. Die Realität am Boden sieht anders aus: Teile der Innenstadt sind ungepflegt bis schmutzig, Obdachlosigkeit ist sichtbar präsent, an manchen Ecken wird gebettelt. Gefährlich ist es deswegen nicht — wir wurden als Touristen nie bedrängt. Aber wer mit der Postkarten-Erwartung anreist, wird sie korrigieren müssen. Lohnt sich Bordeaux trotzdem? Ja — wegen der Promenade an der Garonne, einiger starker Sehenswürdigkeiten und vor allem wegen zweier Ausflüge, die zu den besten gehören, die wir in Frankreich gemacht haben.
Anreise: günstige Flüge, Tram bis vors Terminal
Der Flughafen Bordeaux-Mérignac liegt nah an der Stadt, Billigairlines wie easyJet und Wizz Air fliegen ihn aus mehreren Ländern an. In die Innenstadt kommst du ohne Taxi: Die Tramlinie A fährt direkt ab dem Terminal und braucht rund 35 Minuten bis ins Zentrum (Haltestelle Pey-Berland). Ein Einzelticket kostet rund 2 Euro, die Tageskarte für Tram, Bus und Flussshuttle 6.50 Euro. Alternativ verbindet der Shuttle 30’Direct den Flughafen in etwa 30 Minuten mit dem Bahnhof Saint-Jean. Das Tramnetz in der Stadt ist gut ausgebaut — für die meisten Wege brauchst du kein weiteres Verkehrsmittel. Wer flexibler sein will: Leihvelos und E-Trottinette stehen an vielen Ecken und funktionieren gut, die Stadt ist flach.
Erleben: Promenade, Miroir d’eau und die Stadt der Türme
Das Beste an Bordeaux ist das Garonne-Ufer. Die lange Uferpromenade zieht sich am linken Flussufer entlang, mit Grünflächen und Sitzgelegenheiten, auf denen halb Bordeaux den Abend verbringt. Ihr Zentrum ist der Miroir d’eau vor der Place de la Bourse: eine riesige, wenige Zentimeter tiefe Wasserfläche, in der sich die Fassaden spiegeln. Kinder planschen, Erwachsene kühlen die Füsse — an heissen Tagen der beste Ort der Stadt.

Dahinter beginnt die Innenstadt mit viel Sehenswertem auf kompaktem Raum: die Place de la Comédie mit dem Grand Théâtre, das Monument aux Girondins mit seinen Brunnenfiguren, die Stadttore Porte Cailhau und Grosse Cloche, dazu mehrere grosse Kirchen und Kathedralen mit sehenswerten Innenräumen. Einkaufsmöglichkeiten konzentrieren sich rund um die Rue Sainte-Catherine. Bei den Restaurants ist die Auswahl gross — neben französischer Küche fällt die Dichte an asiatischen Lokalen auf.
Auf dem Fluss verkehrt der Bat3, das Flussshuttle des ÖV-Netzes TBM. Die Fahrt über die Garonne kostet 2 Euro an Bord (im normalen ÖV-Ticket bereits enthalten) und verbindet das Zentrum unter anderem mit der Cité du Vin — als günstige Mini-Bootsfahrt ein Tipp.
Bordeaux liegt übrigens am Jakobsweg: Die Via Turonensis, die längste der vier historischen französischen Pilgerrouten von Paris Richtung Santiago de Compostela, führt durch die Stadt und ihre Basilika Saint-Michel.
Museen: der U-Boot-Bunker ist Pflicht
Bordeaux hat viele Museen — zwei stachen für uns heraus, beide im Hafenviertel Bacalan. Die Bassins des Lumières bespielen einen U-Boot-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg mit immersiven Kunstprojektionen; die Becken, in denen einst U-Boote lagen, spiegeln die Bilder. Der Bunker allein ist das Erlebnis wert, Eintritt rund 15 Euro. Gleich daneben zeigt das Musée Mer Marine Seefahrtsgeschichte (Erwachsene 14 Euro, montags geschlossen). Für klassische Museumsgänger: Musée d’Aquitaine (Stadtgeschichte) und die Cité du Vin, deren geschwungener Bau schon von aussen ein Fotomotiv ist.
Wie viel Zeit für die Stadt?
Für die reine Besichtigung der Innenstadt reichen zwei Tage. Mit Museen, Cité du Vin und ruhigem Tempo werden es mehr — und wer die Ausflüge mitnimmt, sollte vier Tage einplanen.
Essen: Canelés probieren
Die Spezialität der Stadt ist der Canelé: ein kleines zylindrisches Gebäck mit geriffeltem Rand, aussen dunkel karamellisiert und knusprig, innen weich, aromatisiert mit Rum und Vanille. Die Zutaten erzählen Hafenstadt-Geschichte — Rum und Vanille kamen über den Kolonialhandel nach Bordeaux, erfunden haben das Gebäck der Überlieferung nach Nonnen eines Bordelaiser Klosters. Gibt es an jeder Ecke, kostet wenig, gehört probiert.
Ausflug 1: Saint-Émilion — Welterbe zwischen Rebbergen

Der TER-Regionalzug braucht ab Bordeaux Saint-Jean gut 33 Minuten nach Saint-Émilion, Tickets ab etwa 6 Euro. Aber Achtung bei der Planung: Die Züge fahren nur etwa alle zwei Stunden, sind kurz und entsprechend voll — Rückfahrt vorher raussuchen. Vom kleinen Bahnhof läufst du rund 20 Minuten leicht bergauf ins Dorf.
Saint-Émilion ist seit 1999 UNESCO-Welterbe — als erste Weinbaulandschaft überhaupt wurde die «Jurisdiction de Saint-Émilion» als Kulturlandschaft aufgenommen. Das mittelalterliche Dorf ist herausgeputzt und klar touristisch, aber auf die angenehme Art: steile Pflastergassen, ein alter gedeckter Waschplatz, dazwischen unzählige Weinhandlungen und Lokale regionaler Produzenten, die zur Verkostung laden.
Der beste Punkt des Orts kostet am wenigsten: Für 2 Euro pro Person leihst du dir im Tourismusbüro den Schlüssel zum Glockenturm der Monolithkirche und steigst die 196 Stufen selbst hoch — oben wartet der Panoramablick über Dächer und Rebberge. Die Monolithkirche darunter, im 12. Jahrhundert komplett aus dem Kalkfelsen geschlagen, ist nur mit Führung zugänglich. Ein zweiter Aussichtspunkt, der Donjon Tour du Roy (118 Stufen, ebenfalls 2 Euro), öffnet erst am Nachmittag.
Wer es gastronomisch mag: Das Dorf leistet sich für seine Grösse eine bemerkenswerte Dichte an Sternerestaurants — La Table de Pavie trägt zwei Michelin-Sterne, das Logis de la Cadène einen. Entsprechend hochpreisig sind auch einige Hotels im Ort.
Ausflug 2: Dune du Pilat und Arcachon

Nach Arcachon fahren die Züge deutlich häufiger als nach Saint-Émilion, etwa alle 30 bis 60 Minuten. Unser Rat: zuerst zur Düne, dann die Stadt. Die Dune du Pilat ist die höchste Düne Europas, und oben gibt es keinerlei Schatten — darum früh starten.
Ab dem Bahnhof Arcachon fährt in der Saison der Expressbus 101 in 20 bis 40 Minuten (je nach Verkehr) zur Düne. Tickets gibt es am Bahnhof bei einer Verkaufsperson oder per App; kauf gleich Hin- und Rückfahrt, bezahlt haben wir 2 Euro pro Weg. Der Zugang zur Düne selbst ist gratis. Am Fuss findest du Touristeninfo, kostenlose WCs, schattige Bänke, einen Souvenirshop und mehrere Imbisse — mit Preisen fast auf Flughafenniveau: Eine 0.33-l-Dose Bier kostet gut 4 Euro, und es lohnt sich tatsächlich, die Buden zu vergleichen.
Der Aufstieg dauert etwa 30 Minuten. Es gibt eine Treppe (saisonal aufgebaut), daneben führt der direkte Weg steil durch tiefen Sand — anstrengend in der Sonne, aber machbar. Oben belohnt der Blick: auf der einen Seite Meer und die Bucht von Arcachon, auf der anderen der endlose Kiefernwald. Auf der Meerseite geht es hinunter zum Strand, wo sich problemlos mehr Zeit verbringen lässt. Sportliche können am Strand entlang zurück nach Arcachon laufen — das dauert allerdings deutlich länger als der Bus.
Arcachon selbst ist stark touristisch: viele Restaurants, entsprechende Preise, kaum Lebensmittelläden. Der Strand ist angenehm und flach abfallend — gut für Kinder — und von mehreren Stegen aus schaust du übers Wasser. Ohne Badetag reichen ein bis zwei Stunden, danach bringt dich der Zug regelmässig zurück nach Bordeaux.
Praktisches
Beste Reisezeit: Bordeaux hat mildes Atlantikklima. Juli und August sind mit Tageswerten um 26 bis 28 Grad am wärmsten und trockensten — ideal für Miroir d’eau und Düne, aber auf der Düne brütend heiss. Frühling und Herbst (April–Juni, September–Oktober) sind angenehmer zum Stadtlaufen. Der Winter ist mit Höchstwerten um 9 Grad mild, aber regenreich — der Dezember bringt im Schnitt zwölf Regentage.
Budget-Anhaltspunkte: ÖV-Tageskarte 6.50 Euro, Bat3 einzeln 2 Euro, Bassins des Lumières ca. 15 Euro, Musée Mer Marine 14 Euro, Zug Saint-Émilion ab ca. 6 Euro, Glockenturm 2 Euro, Bus zur Düne 2 Euro pro Weg, Düne gratis.
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